
Die kargen Sonnenstrahlen, die meine Gardinen zart streifen, ließen meine innere Unruhe mit verschiedenen Verzweiflungstaten kopulieren. So sah ich in Anbetracht meiner Auswahl eine Folge “Kitchen Nightmare“. Diese Sendung, entsprungen aus den Gedankenfabriken kluger Publikumsanalysten, verfolgt den Helden, Chefkoch Gordon Ramsay, bei seinem Versuch die Welt zu retten. Diese Welt ganz nach Platons Ideentheorie ist das Universum einiger Restaurantbesitzer: in dieser Folge ist es eine Familie, die ein amerikanisches Diner führt, das sich hauptsächlich der Disziplin der Burger-Zubereitung gewidmet hat. Die Probleme sind unterschiedlichen Quellen entsprungen – das Essen scheint den Gästen nicht sehr bekömmlich, aber auch das Klima unter den Arbeitenden ist nicht wirklich genießbar. In schnellen Schnitten und im Klang dramatischer Musik werden einige Streitszenen vorgeführt. Unkommentiert beobachte ich gemeinsam mit Ramsay wie Vater und Sohn sich gegenseitig auf die Füße treten und seine Mutter, also seine Frau, in Aggressionstänzen ihre eigene Stimme in diesem Tumult zu finden versucht. Ferner werde ich außerdem mit der bewegenden Hintergrundgeschichte des Restaurants vertraut gemacht: der Vater, der einst aus dem australischen Outback seinen Weg in die amerikanische Großstadt fand und über diese Reise ein Buch schrieb, das dem Versuch gleich kam, die Probleme mit seinem eigenen Vater zu überwinden, hatte Geld seines Sohnes ohne dessen Wissen in den Familienbetrieb investiert, was eben diesen letztlich dazu veranlasste unfreiwillig Teil des geschäftlichen Betriebs zu werden, einer der Gründe, wieso dessen Freundin auf Kriegsfuß mit seinen Eltern steht, die diese wiederum für eine ekelhafte Göre halten. So wird mir bewusst, dass dieses Unternehmen Hilfe in der Küche der Nahrung wie der Küche des Lebens von Nöten hat, um in der ökonomischen Auslese nicht vom darwinistischen Grundsatz “Survival of the Fittest” im Kreis des Lebens vom Gefressen werden betroffen sein zu werden, einer möglichen Zukunft die im ironischen Kontrast zur Küchenanalogie wenigstens ein leichtes Kichern in mir hervorrufen kann. Ob Gorden Ramsay aus dieser salzigen Suppe doch noch ein köstliches Mahl zubereiten kann, beschäftigt mich mit großer Neugier. Zu Anfang zweifle ich daran, da auch er den Familientopf mit weiteren negativen Zutaten füllt. So lässt er sich die Burger des Hauses servieren und kritisiert mit einer sehr undeutlichen Feinjustierung an Schimpfwörtern die Rezeptur und den Geschmack. Dank der amerikanischen Vorgaben dieser Sendung wurde ich von einigen dieser Tiraden verschont: ein lautes Pfeifen in Kombination mit einer visuellen Unschärfe im Mundbereich der fluchenden Person lässt mich über die verwendeten Begriffe rätseln. Die Personen vor Ort konnten sich an dieser Maßnahme nicht erfreuen, all die negativen Worte mussten sie mit der Härte einer Kokosnuss getroffen haben. Eine Schweigeminute im Namen aller Verletzten halte ich auf der Toilette ab. Danach sehe ich Ramsay dabei zu, wie er sich jede Hauptfigur dieser Folge in einem Dialog vornimmt. Nun hat sich der große britische Chefkoch ein Bild der Situation gemacht und setzt zur Offensive an. An einem runden Tisch erzwingt er Ehrlichkeit aus all den Mündern. Tränen fließen und Ramsay teilt aus, doch die verbalen Attacken sind ihm zu Gute zu halten, denn die Rolle des Psychotherapeuten spielt er unabdingbar und mit ehrlichem Eifer – tatsächlich möchte er der Familie helfen und das kleine Restaurant in ein Burger-Imperium verwandeln. Ergriffen von Emotionen frage ich mich, wieso Ramsay so viel an diesen Menschen liegt. Natürlich kann auch ich meine Sympathien mit dem geschundenen Sohn und seiner Freundin nicht verschweigen (die attraktive Kellnerin sei an dieser Stelle auch erwähnt), doch ihm scheint mehr daran zu liegen. In einer näheren Betrachtung seiner Person vermute ich den Grund erkannt zu haben: der Erfolg der anderen ist seine neue Herausforderung. Als Genie der internationalen Küchenszene kann er sich kaum anders behaupten als den Versagern eben dieser auf die Sprünge zu helfen, andernfalls müsste auch er sein Ohr mit dem Fleischmesser von seinem Kopf trennen. Mit einer gewissen Achtung betrachte ich die Figur Ramsay nun weiter: der Held der Serie schafft es doch tatsächlich an seiner eigenen Größe nicht zu verzweifeln, im fluchenden Charakter steckt mehr als nur das Ego eines großen Mannes, die Therapie der anderen ist seine Selbsttherapie, je größer sein Problem, desto mehr Endorphine sprudeln durch seinen Körper, Ramsay rettet nicht etwa die Burger-Familie, er rettet sich selbst. Gewappnet mit der Erkenntnis seines altruistischen Egoismus zittere ich aufgeregt, als das Restaurant mit neuen Möbeln die ersten Gäste erwartet. Kann das neue Menü überzeugen? Wird die Familie ihren neuen Frieden genießen oder droht der nächste heilige Krieg? Diese und weitere Fragen zersetzen mein Gemüt, doch mit schriller Musik werde ich empfangen und sehe in die lächelnden Gesichter: Vater, Mutter, Sohn, Freundin und selbst die attraktive junge Kellnerin strahlen vor Freude. Ramsay hat es geschafft. Karg lächelnd muss er gerade eine große Befriedigung gespürt haben. Er schüttelt Hände und wünscht Glück für die Zukunft. Dann verschwindet er aus dem Restaurant und lässt alle alleine. Tränenüberströmt versuche ich nach Taschentüchern zu greifen und erwische mich dabei, Ramsays Namen leise in die winterliche Heizungsluft zu hauchen. Auch mich, so wird mir klar, hat er heute gerettet.
(Die Küchenbegriffe sind bloße Absicht und Ramsay sah auf dem Papier lebensechter aus.)