1. Begegnungen

    Ein Baum, der älter ist als ich je sein werde.

    Eine Mutter mit einem Kinderwagen und einem Telefon.

    Ein alter Mann, der glücklicher aussieht als der junge Mann hinter ihm.

    Eine junge Frau mit einem dünnen Buch, dessen Titel ich nicht entziffern kann.

    Eine McDonalds-Tüte und ein paar Fritten, die aus dieser ragen.

    Eine Kirche, die mich an einen Alptraum aus meiner Kindheit erinnert.

    Eine Frau mit einer hübschen Jacke, die Münzen in ihrer Hand zählt. Immer wieder. Wir stehen an einer Bushaltestelle.

    Eine Frau mit roten Haaren, mit Rehaugen, die ich von meinem Sitz aus vorsichtig beobachte, vorsichtig nicht anstarre, die ich anstarren muss. Sie ist sehr schön.

    Ein Junge oder ein Mann, ein paar Jahre jünger als ich. Mit meinen müden Augen aber hübscheren Schuhen.

    Ein Zaun, der einen Schatten wirft und ihre Rehaugen in meinem Kopf.

    Sträucher, ein Huschen oder ein Wind und eine grüne Wiese.

    Eine Pfütze und mein Schatten.

    Mich im Spiegel. Mein Lächeln, meine Zähne, nicht mehr lächeln.

    Schauspieler mit warmen Zeilen und Problemen in der Liebe.

    Ein Text, den ich schlecht kopiere.

    Schöne Buchstaben, asiatische Augen und Wörter, die ich nicht verstehe.

    Eine Rolle Klopapier. Weniger Klopapier nun.

    Das Ende eines Buches, das Ende schöner Wörter, das Ende einer seltsamen Nähe.

    Leere, ein Lächeln und ein paar Sorgen.

    Mein Kissen und mein Kalender.

    Angst.

    Schöne kurze Botschaften, längst selbst ein wunderschönes Büchlein. Aufmerksamkeit und Humor.

    Schöne Tasten mit Aufklebern, hebräische Buchstaben und meine Hände. Dunkle feine Haare auf meinem Arm.

    Das was sich offenbart, wenn die Augen geschlossen sind.


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  2. Was Grass uns sagen will.  ~

    Ein sehr unhysterischer Artikel über Grass’ Gedicht.


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  3. Harald Schmidt hört auf.  ~

    Ich habe ihn seit dem Ende von Schmidt & Pocher nicht mehr regelmäßig gesehen. Er füllte einfach keine Lücke mehr. Sein Humor bestand nur noch aus dem Versuch seine eigene Langweile als lustige Arroganz zu verkaufen. Ich schätze sehr, dass er es bei Sat.1 noch mal probierte, aber ich bin nicht wirklich traurig darüber, dass es gescheitert ist. In Erinnerung bleibt er als der große Meister, der er einst wirklich gewesen ist – und das wird ihm auch niemand nehmen können.

    Nachtrag: Ich habe im Netzfeuilleton etwas längeres darüber geschrieben.

    [Mit Jannis habe ich mich zum damaligen Sat.1-Start unterhalten. (Man beachte bitte den Kommentar von "silbert".) Ich schrieb außerdem bereits vor einiger Zeit einen Abschiedstext an Dirty Harry.]


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  4. Bibi Aisha

    Zu diesem Photo habe ich mit diesem Text an einem lokalen Schreibwettbewerb 1 teilgenommen. Er reichte für einen Platz auf dem Treppchen.

    Die Frau ohne Nase. Bibi Aishas Photo ängstigte mich, noch bevor ich es sah. Ich hörte im Radio davon: es zierte die Titelseite einer großen amerikanischen Zeitschrift. Als ich es schließlich zu Gesicht bekam, ergriff mich allerdings nicht Angst, sondern Faszination. Diese Frau sah geheimnisvoll aus, sie war umgeben von einer seltsamen Schönheit. Ihre Augen blickten mich an, sie fesselten mich wie ein gemaltes Portrait vergangener Epochen. In ihnen lag ein Stolz, der mich irritierte. Nicht ihre Nase hielt mich gefangen, sondern ihre Grazie, eine kostbare Erhabenheit, von der ich mich nicht lösen konnte. Denn sie versteckte sich nicht hinter der Furcht des Opfers, sie war nicht die verstümmelte Figur, die ich erwartet hatte. Stattdessen, so sehr es mich verwirrte, entfachte sie eine Hoffnung in mir. Sie war der Beweis der Kraft der Bilder, der Worte und des Journalismus, der auch ein Schicksal wie ihres der Welt offenbarte. Aber noch viel mehr war ihr Bild ein Beleg des Widerstands. Die Familie ihres Ehemannes hatte ihr Ohren und Nase abgeschnitten, um sie zu entstellen, ihr jede Ehre zu nehmen. Doch Bibi Aisha hatte den Blick einer stolzen Frau. Wenn selbst sie ihre Würde nicht verloren hatte, wenn sie trotz allen Leids, das ihr widerfahren war, stolz sein konnte, so schien mir, war die Zuversicht der Vernunft, der Gleichberechtigung, der Auflehnung gegen die Fanatiker und Extremisten nicht verloren. Mir wurde klar, dass ihr Blick, dem ich mich in so demütiger Ergriffenheit hingab, ihr Vertrauen in eine bessere Welt war.


    1. Ich würde ihn verlinken, leider finde ich ihn nicht online. Das Bild habe ich eingescannt, die Rechte liegen bei der World Press Photo.

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  5. So. Und nicht anders  ~

    Carolin Emcke schreibt über das Begehren, die Liebe und ihre Offenbarung, innen wie außen. Dieser Text ist so zart und kraftvoll, er sei hiermit allen als Lektüre angeordnet.


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  6. Stirbt das Land vor Langeweile? ~

    Wir wollten statt Glamour lieber Uniformen, hatten dann statt Woody Allen (und Richard Pryor, Robin Williams, Eddie Murphy, Bill Hicks und George Carlin und noch tausend mehr) Otto und nun statt Louis CK unseren Martin „Maddin“ Schneider.

    Ich möchte unheimlich viele Stellen aus diesem Essay von Malte Welding zitieren. Er beschreibt das deutsche Problem der Unterhaltung so eindeutig.

    Es geht um unsere Identität. Wo bleibt das große Werk über Kohl? Wer ergründet dessen Nachfolger, der sich das Haar nicht färbte und jetzt für den russischen Diktator arbeitet? […] Wer erzählt unsere Geschichte?


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  7. Billy Corgan erklärt, wieso er Alben mehr schätzt als Singles  ~

    You wanna get laid, great. You wanna fall in love, that’s different.


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  9. Akin J.

    Jemand musste Akin J. verleumdet haben. Denn ohne, dass er etwas Böses getan hatte, wurde er morgens verhaftet. Zwar war seine Vermieterin auch an diesem Tag wieder aus irgendeinem Grund wütend auf ihn, doch dass sie wegen der Schuhe vor seiner Haustür gleich die Polizei rufen würde, hatte er nicht erwartet. Die beiden Männer, die er noch nie zuvor gesehen hatte, traten plötzlich in seine Wohnung ein.

    “Herr J.”, versuchte der eine seinen Namen auszusprechen. “Herr J.”, wiederholte dann der andere nochmals. ”ich denke, Sie wissen, wieso wir hier sind?” Doch J. versuchte in seiner Verwunderung, zunächst stillschweigend, durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen, wovon die beiden Männer sprachen. Ungeduldig unterbrachen sie ihn. “Herr J.? Verstehen du deutsch?”, fragte der eine nun mit lauter Stimme und rollte die Augen.

    Natürlich verstand J. die deutsche Sprache und die Frage schien ihm eine unnötige. So überlegte er sich, was er entgegnen sollte. Eine strenge Antwort womöglich, die den beiden ihre Autorität stehlen würde? Ein Herrje, meine Herren vielleicht zu Beginn, um ihnen die Lächerlichkeit ihrer Aussage bewusst zu machen? Was fiel ihnen auch ein, so etwas zu sagen? Aber sein Vater hatte ihm gelehrt, dass er der Gewalt des Staates nie respektlos begegnen sollte. Ein klarer Satz, ein ganz neutrales Ja war sicher eine bessere Art aufzutreten. Aber ein Ja, so wurde ihm schnell bewusst, war kein besonders starker Satz, wenn man denn dabei überhaupt von einem Satz sprechen konnte. Das Wort kannte jeder, es war womöglich eines der allerersten, das man aufschnappte. Er suchte also nach einem Synonym das nicht beherrscht wirkte, aber doch ein gewisses Selbstbewusstsein vermittelte. Aber sicher erklang ihm zu sarkastisch, sie könnten sich in der Idee verirren, er habe sich über sie amüsieren wollen. Ein ganz normales Ich spreche deutsch konnte er auch nicht wählen, sicherlich würde der Schaffner seiner letzten Zugreise vor englischen Gästen auch behaupten, dass er englisch spräche, obwohl davon niemals die Rede sein konnte. So ein Satz war nicht ernst zu nehmen.
    So dämmerte ihm, dass er etwas wählen musste, das mehr von der Qualität seiner Fähigkeiten zum Ausdruck bringen, aber gleichzeitig nicht eingebildet, belustigend oder beleidigend aufgefasst werden könnte. Doch all die Sätze, die ihm in den Sinn kamen, schienen unpassend zu sein. Verzeihen Sie, natürlich spreche ich deutsch war zu lang und kompliziert, und wieso sollte er um Verzeihung bitten? Sicherlich hatte etwas schnippisches, wer wusste, wie sie darauf reagieren würden? Aber klar klang zu jugendlich, es wäre ein deutliches Eigentor gewesen.
    Da traf J. plötzlich ein Geistesblitz: wieso sollte er die Frage direkt beantworten? Er seinerseits könnte einfach selbst eine stellen, denn nicht er hatte sich zu erklären, sondern die beiden Herren. Worum geht es?, das war die richtige Gegenfrage, ein wenig streng, aber höflich – deutsch durch und durch. Sie war auch einladend, immerhin forderte sie selbst eine Antwort. Sie schien ihm eine perfekte Erwiderung zu sein.

    Noch in Freude seiner gefundenen Replik, unterbrach einer der beiden das Schweigen. “Habs’ mir doch gedacht!”, sagte er und zückte seine Handschellen. “Sie sind wegen Integrationsunwillen verhaftet.” In seiner Bestürzung versuchte J. sich aus dem Klammergriff der beiden Männer zu befreien. Ihm entfuhren laute Schreie – Nein, Nein brüllte er. Doch die beiden Männer vernahmen nur noch ein Jaulen. “Wie ein Hund!”, bemerkte der eine.

     


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  10. Beachtenswert #5

    Beachtenswert ist eine jeden Mittwoch (und manchmal Donenrstag) erscheinende Sammlung von Texten und Zitaten, die ich für – der Name lüftet das Geheimnis! – beachtenswert halte. Einen Anspruch auf Aktualität lehnt sie ab.

    Online

    Frontline Club ~ Eine Podiumsdiskussion über die Lage in Syrien mit Mouna Ghanem (Vizepräsidentin der politischen Bewegung “building the Syrian state“), Ammar Waqqaf (Vertreter eines britischen Zusammenschlusses von Syriern), Ramita Navai (Journalistin des britischen Senders Channel 4) und Malik Al-Abdeh (Chefredakteur des britisch-syrischen Senders Barada TV)

    “I feel stuck,” Schiff said. “The New York that I wanted to have is still just beyond my reach.” 

    Bonus Withdrawal ~ Manche Banker an der Wall Street scheinen große Probleme mit den geringeren Boni zu haben.

    Windows 8 Consumer Preview ~ Microsoft versucht tatsächlich das Betriebssystem ein klein wenig neu zu erfinden.

    Offline

    Wird man in eine Dunkelkammer mit konstanter Geschwindigkeit gedreht, hat man bald das Gefühl stillzustehen. Denn das Gleichgewicht kann offenbar nur Beschleunigungen erkennen, jedoch keine konstanten Drehbewegungen.
    Erschienen in Zeit Wissen 2/12

    Was ist das Ich? ~ Es kommen verschiedene Wissenschaftler zu Wort und sprechen über ihre Studien und Deutungen zum menschlichen “Ich”. 1

    What liberals have never understood about Obama is that he practices a show-don’t-tell, long-game form of domestic politics. What matters to him is what he can get done, not what he can immediately take credit for.
    Erschienen in Newsweek January 23, 2012

    Why are Obama’s critics so dumb? ~ Andrew Sullivan analysiert Obamas Politik und zollt ihm großen Respekt. Er suche nicht die schnellen Lösungen, sondern denke viel langfristiger.


    1. Der Bericht ist natürlich für Laien geschrieben, schafft es aber, die Thematik verständlich zu erklären.

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