
Jemand musste Akin J. verleumdet haben. Denn ohne, dass er etwas Böses getan hatte, wurde er morgens verhaftet. Zwar war seine Vermieterin auch an diesem Tag wieder aus irgendeinem Grund wütend auf ihn, doch dass sie wegen der Schuhe vor seiner Haustür gleich die Polizei rufen würde, hatte er nicht erwartet. Die beiden Männer, die er noch nie zuvor gesehen hatte, traten plötzlich in seine Wohnung ein.
“Herr J.”, versuchte der eine seinen Namen auszusprechen. “Herr J.”, wiederholte dann der andere nochmals. ”ich denke, Sie wissen, wieso wir hier sind?” Doch J. versuchte in seiner Verwunderung, zunächst stillschweigend, durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen, wovon die beiden Männer sprachen. Ungeduldig unterbrachen sie ihn. “Herr J.? Verstehen du deutsch?”, fragte der eine nun mit lauter Stimme und rollte die Augen.
Natürlich verstand J. die deutsche Sprache und die Frage schien ihm eine unnötige. So überlegte er sich, was er entgegnen sollte. Eine strenge Antwort womöglich, die den beiden ihre Autorität stehlen würde? Ein Herrje, meine Herren vielleicht zu Beginn, um ihnen die Lächerlichkeit ihrer Aussage bewusst zu machen? Was fiel ihnen auch ein, so etwas zu sagen? Aber sein Vater hatte ihm gelehrt, dass er der Gewalt des Staates nie respektlos begegnen sollte. Ein klarer Satz, ein ganz neutrales Ja war sicher eine bessere Art aufzutreten. Aber ein Ja, so wurde ihm schnell bewusst, war kein besonders starker Satz, wenn man denn dabei überhaupt von einem Satz sprechen konnte. Das Wort kannte jeder, es war womöglich eines der allerersten, das man aufschnappte. Er suchte also nach einem Synonym das nicht beherrscht wirkte, aber doch ein gewisses Selbstbewusstsein vermittelte. Aber sicher erklang ihm zu sarkastisch, sie könnten sich in der Idee verirren, er habe sich über sie amüsieren wollen. Ein ganz normales Ich spreche deutsch konnte er auch nicht wählen, sicherlich würde der Schaffner seiner letzten Zugreise vor englischen Gästen auch behaupten, dass er englisch spräche, obwohl davon niemals die Rede sein konnte. So ein Satz war nicht ernst zu nehmen.
So dämmerte ihm, dass er etwas wählen musste, das mehr von der Qualität seiner Fähigkeiten zum Ausdruck bringen, aber gleichzeitig nicht eingebildet, belustigend oder beleidigend aufgefasst werden könnte. Doch all die Sätze, die ihm in den Sinn kamen, schienen unpassend zu sein. Verzeihen Sie, natürlich spreche ich deutsch war zu lang und kompliziert, und wieso sollte er um Verzeihung bitten? Sicherlich hatte etwas schnippisches, wer wusste, wie sie darauf reagieren würden? Aber klar klang zu jugendlich, es wäre ein deutliches Eigentor gewesen.
Da traf J. plötzlich ein Geistesblitz: wieso sollte er die Frage direkt beantworten? Er seinerseits könnte einfach selbst eine stellen, denn nicht er hatte sich zu erklären, sondern die beiden Herren. Worum geht es?, das war die richtige Gegenfrage, ein wenig streng, aber höflich – deutsch durch und durch. Sie war auch einladend, immerhin forderte sie selbst eine Antwort. Sie schien ihm eine perfekte Erwiderung zu sein.
Noch in Freude seiner gefundenen Replik, unterbrach einer der beiden das Schweigen. “Habs’ mir doch gedacht!”, sagte er und zückte seine Handschellen. “Sie sind wegen Integrationsunwillen verhaftet.” In seiner Bestürzung versuchte J. sich aus dem Klammergriff der beiden Männer zu befreien. Ihm entfuhren laute Schreie – Nein, Nein brüllte er. Doch die beiden Männer vernahmen nur noch ein Jaulen. “Wie ein Hund!”, bemerkte der eine.